Wieder ein langer Fahrtag!
Die Felder sind parat zur Neubepflanzung, hier wird hauptsächlich Soja angebaut. Seit wir in Brasilien sind fahre auch ich oft. Es sind einfach unglaubliche Distanzen. Bei meiner heutigen Fahretappe über 100 km gibt es keinen Muskelkater vom Schalten und Bremsen. Schnurgerade ist die Strecke mit Minimalverkehr und ich schalte nur zwei Mal vom 6. in den 5. Gang und zurück.
Am Montag morgen erreichen wir Brasilia, die Hauptstadt von Brasilien. Unser erster Gang führt uns zur Police Federal im Hauptquartier. Wie aus Lego Bauklötzen kommt mir der Glaspalast vor.
Wir werden zur Migration am Flughafen verwiesen. Und tatsächlich klappt es mit der Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung um weitere 60 Tage……
… auch der Sprinter darf länger bleiben. Ohne grosse Fragen, sehr freundlich, ohne Zusatzkosten und äusserst speditiv werden wir bedient. Toll!
Ralf erwartet uns bereits vor seinem Zuhause. Herzlich werden wir begrüsst und noch liebenswürdiger bietet er uns sein Bett an während er auf dem Sofa schlafen will. Das geht gar nicht! Unser ReMo steht vor seiner Wohnung so ruhig, die Temperaturen sinken nachts auf 22 Grad, da schlafen wir gerne im Bänzli.
Beim Schweizer Treff lernen wir die Angestellten der Botschaft und viele Ausland-Schweizer kennen. Spannend aus ihren Leben zu hören. Es ist ein gemütlicher Abend und so lernen wir Xaver Odermatt aus Stans kennen. Er lebt mit seiner Familie seit vielen Jahren in Brasilia. Seine Offerte, uns die Stadt zu zeigen, nehmen wir dankend an.
Brasilia ist eine von Grund auf entworfene Stadt von Lúcio Costa geplant. Architekt Oscar Niemeyer als Chef des staatlichen Bauamtes entwirft die öffentlichen Gebäude. 1956 wird mit dem Bau begonnen, 1960 ist die Einweihung. Nach Salvador und Rio de Janeiro ist Brasilia jetzt die neue Hauptstadt.
Was ist die Idee hinter Brasilia? Die Stadt liegt auf 1066 Höhenmeter und bietet so ein angenehmes Klima das ganze Jahr über. Sie besiedelt die Mitte des Landes und sie kann besser verteidigt werden.
Im März 1957 wählt eine Jury von brasilianischen und internationalen Experten einstimmig Costas Entwurf als Stadt der Zukunft. Brasilia ist im Zeichen eines Kreuzes erbaut. Wohnen und Arbeiten, Kultur und Sport sind die Hauptthemen der Planung.
Viele Frei- und Grünflächen liegen dazwischen, grosszügiger mehrspuriger Strassenbau mit strukturieten Auf- und Abfahrten sorgen für staufreies Fahren, riesige Parkplätze ohne Gebühren für sorgloses parkieren vor Ämter, Zentren und Freizeitanlagen.
In der Monumental-Achse stehen die Gebäude der staatlichen Behörden und in der Verkehrs- und Wohnsitz-Achse die „Superquadras“. Das sind Strassenblöcke, die 240 Meter lang sind und 11 Häuserblöcke mit Wohnungen samt Schulen umfassen. Wo sich die Achsen kreuzen sind Busbahnhöfe, Restaurants, Shops und Banken angesiedelt.
Damit sich die Stadt der Topografie und dem natürlichen Verlauf der Gewässer anpasst, gibt Costa der Achse mit den Wohngebieten eine leichte Kurve. Deswegen sieht die Stadt von oben aus wie ein Flugzeug, das neben einem Stausee landet.
Entworfen für 700‘000 Einwohner/innen, sollen alle am Ufer des angelegten Sees leben, der in der Trockenzeit für Luftfeuchtigkeit sorgt.
Costas Wunsch, dass die verschiedenen Gesellschaftsklassen in der Planstadt zusammen leben, geht leider nicht in Erfüllung. Tausende Bauarbeiter bleiben nach der Fertigstellung der Stadt ungeplant hier, dazu kommen tausende von Zuwanderer für die Brasília ein Anziehungspunkt ist. Damit hat Costa nicht gerechnet und so entstehen 15 chaotische Satellitenstädtchen samt Armenviertel in einem 25 Kilometer Radius wo heute 2.3 Mio wohnen.
So wird heute Kritik laut, dass eine erweiterte Stadtplanung verpasst ist. Die Ausgrenzung an den Stadtrand des Arbeitervolkes ist typisch für brasilianische Städte und sehr schade wiederholt sich dieses Muster auch in Brasília. Brasília ist die Stadt mit dem höchsten Durchschnittseinkommen im Land. Trotz der sozialen Unterschiede bleibt die Qualität von Costas Stadtplanung und Niemeyers Architektur unbestritten. Die UNESCO kürte das Viertel „Plano Piloto“ 1987 zum Weltkulturerbe.
Wir sind fasziniert von der Stadt. Ohne Hektik, die Architektur Niemeyers genial, herrscht mitten in der Stadt Dorfcharakter. Xaver erzählt uns viel über die Geschichte, Kubitschek, Stärken und Schwächen der Regierung heute und spickt das ganze amüsant mit persönlichen Lebensgeschichten. Danke Xaver für deine Führung, einfach genial!
Mit Ralf gehen wir jeden Abend essen. Was für ein sympathischer, interessanter junger Mann. Wir fühlen uns sehr wohl in seiner Gesellschaft und diskutieren immer angeregt.
Danke Ralf für alles, schön dass wir dich jetzt persönlich kennen.
Ungewiss wie weiter entscheiden wir am Freitag Richtung Minas Gerais zu fahren. Es folgen 2 unspektakuläre Fahrtage bis Belo Horizonte.
Fazit der Woche: Immer schön Menschen aus der Heimat kennen zu lernen.
Wochenfilm:
Musik: Marisa Monte, Ainda Bem