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11.-18.02.2024 … wenn das Herz klopft…

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Ein weiterer Karneval Tag in Oruro folgt – staunen, applaudieren, sitzen, geniessen, zuschauen, beobachten – es ist einfach nur schön.


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Das religiöse Fest auch zu Ehren der Virgen del Socavón (Jungfrau der Bergwerksstollen) lässt teils tief blicken.

Aus ganz Bolivien reisen Gruppen an und repräsentieren ihre Region mit Reigen, Tänzen, Gesang und Kostümen.

Die Stimmung ist ausgelassen fröhlich, die Gegensätze der Parade Teilnehmenden und Verkäufern/innen kann grösser nicht sein.

Plötzlich beginnt es zu klopfen, das Herz. Es ist nicht neu verliebt, es rast nicht ob der schönen Parade, es macht keine Freudensprünge – nein es reklamiert einfach ob der Höhe von fast 4000 Meter Höhe.

Unser heutiges Ziel ist Potosí. Regnerisch, bergig schön ist die Strecke, die Strasse gut, plötzlich rufe ich: „Stopp Werni, da stehen 2 Motorräder mit Schweizer Kennzeichen.“ LU und OW die Schilder und so lernen wir Marcel und Franz kennen.

Potosí, was in der Quechua Sprache Lärm bedeutet, mit 200‘000 Einwohnern, liegt am Fuss des Berges Cerro Rico (reicher Berg) und auf über 4000 Höhenmeter. Das Atmen ist anstrengend besonders beim Hochlaufen, das Herz klopft immer mal wieder unkontrolliert.

Potosí ist über Jahrhunderte die reichste Stadt der Welt nachdem der Indigena Diego Huallpa zufällig Silber auf den Felsen des Berges entdeckt. Kaum erfahren die Spanier davon, beginnen sie im grossen Stil mit der Ausbeutung.

Silber, das Zauberwort, beschenkt Potosí eine koloniale Altstadt aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Die Stadt liegt steil in die Hänge gebaut und wäre da nicht das echt bezaubernde Zentrum würden wir die Stadt überhaupt nicht mögen. Die in der Peripherie gelegenen Viertel sind ärmliche Adobe Häuser mit wenig Charme und viel Hundescheisse.

Am Abend gehen wir mit Franz und Marcel essen, es gibt viel zu erzählen, aus der Heimat und vom Reisen. Gute Fahrt ihr zwei und auf Wiedersehen in Obwalden.

Heute schürfen ca. 6000 Mitglieder einer Kooperative immer noch nach Erz, Silber, Zinn und Mineralien. Die Lebenserwartung der Männer in Potosí soll um die 45 Jahre liegen. Zu früh sterben sie an Chemikalien, Staublungen oder Bergwerk Unfällen. Wenn die Väter die Familien nicht mehr ernähren können, müssen die Kinder in die Mine. Kinderarbeit ist in Bolivien zwar verboten aber wer kontrolliert?

Wir buchen eine Tour mit Pedro, viele Jahre selbst Minero, der uns authentisch und ehrlich ins Dunkel des Berges führt.

Ab 1545 fliessen total 60’000 Tonnen Silber ins Königreich Spanien. Die Indigenen werden verpflichtet, jährlich 13’500 Männer für die Arbeit in den Minen zu stellen. So unglaublich viele verlieren ihr Leben, die Indigena nennen den Berg „Eingang zur Hölle“.

Im 18. Jahrhundert ist das Silbervorkommen ausgeschöpft, die Stadt durch das Quecksilber vergiftet, Potosí versinkt in Bedeutungslosigkeit. Später wird Zinn abgebaut, die Stadt bekommt neuen Aufschwung, die Minen werden 1952 verstaatlicht.

Pedro erzählt uns weiter, dass die Minenarbeiter heute stolz auf ihren Beruf sind und dass sie gutes Geld verdienen seit das Bergwerk nicht mehr dem Staat sondern der Kooperative gehört. Die Presse stelle Potosí und seine Minen immer ins negative Licht was so einfach nicht stimme. Der Berg sei die Lebensader von Potosí.

Die Mineure schürfen heute noch vorwiegend von Hand. Zuerst wird gesprengt, die Brocken zerkleinert und anschliessend mit der Schubkarre ans Tageslicht transportiert. In der Mine ist Pachamama (Mutter Erde) die Gottheit mit verschiedenen Namen, die die Arbeiter beschützt.

Pedro stellt uns Gott Jorge vor. Jorge möge Fluchwörter und eine schmutzige Sprache. Ihm zu ehren trinken die Mineros 96% Alkohol, rauchen und kauen Koka. Der Gott bringe Glück oder auch nicht, meint er augenzwinkernd.

Normalerweise bringen die Besucher den Mineros Geschenke mit vom Mercado de los Mineros, der Markt der Bergleute. Dort kann ein jeder hochexplosiven Sprengstoff, Zündschnur, Koka und 96-prozentigen Alkohol erwerben. Er gilt als der einzige öffentliche Markt der Welt, auf dem man legal Dynamit kaufen kann. Doch heute ist der Markt geschlossen, es wird nicht gearbeitet in der Mine da auch hier Karneval ist. Es ist der Tag der Familien. Alle Heimweh Bolivianer kommen nach Hause um diesen Karnevals Tag zusammen zu feiern. Es wird gegessen, gefeiert, getrunken, Blumen gestreut und die Autos und Häuser fasnächtlich geschmückt.

Die Gefahr von Stollenunfällen versucht die Kooperative mit jährlichen Sanierungen der Hauptstollen zu verhindern. In den Nebenstollen darf wild gesprengt werden mit nur 1 Regelung, die neuen Stollen müssen in Nord/Süd Richtung verlaufen. Es passieren immer wieder schreckliche Unfälle und Stolleneinbrüche. Ins ganz Innere, wo bei über 40 Grad geschürft wird, auf allen Vieren gekrochen werden muss, führt unsere Tour nicht. Uns soll’s recht sein!

Vielleicht sind es die vielen unerlösten Seelen, vielleicht der Regen, vielleicht die Kälte, vielleicht die Höhe über 4000 Meter die uns Potosí, trotz der echt schönen UNESCO Altstadt, nicht wirklich gefallen lässt.

Wir sind in Sucre, zum Glück nur noch auf 2800 Höhenmeter, so kann sich das Herz mit seinen unkontrollierten Schlägen wieder beruhigen. Marlis und Kurt sind auch da, schön die beiden wieder zu treffen.

Sucre schlägt ein neues Kapitel auf und darüber möchte ich dir nächste Woche berichten.

 

Fazit der Woche: Herzklopfen du darfst verschwinden. 

 

 

Wochenfilm

Musik: Banda Real Imperial de Oruro (Carnaval Bolivia) und Kala Marka, Mi Alma al Diablo

 

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