Mit dem Städtchen Nueva Loja, im Nord-Osten von Ecuador gelegen, sind wir auf der Nordkugel angekommen. Bei der Äquator Überquerung steht eine zerzauste kleine Fahne – nichts mit effektvollen Fotos.
Diese Region lebt von Erdöl und Tourismus. Km lange Pipeline sind an der Hauptstrasse entlang geführt. Beide Branchen sind gute Arbeitgeber.
Die Würfel sind gefallen, wir buchen den NP Cuyabeno nicht über die von allen empfohlenen Siona Lodge. Die Aguas Negras River Lodge fällt uns zu, wir haben vom ersten WhatsApp Kontakt ein gutes Gefühl.
Die Balance zwischen Komfort und Einfachheit sei genial, es habe wenig bis keine Touristen, das Programm werde individuell zusammen gestellt, sie gehört dem Volk der Kichwa – klingt alles sehr gut für uns.
Unser Führer Fabian, englisch sprechend (hat 18 Jahre in England gelebt) besucht uns auf dem Camp. Wir buchen 5 Tage 4 Nächte – sind die einzigen Gäste und wissen, dass wir uns nicht im 3/4 Sterne Hotelbereich bewegen werden. Die Lodge steht auch nicht an der Laguna Grande, dafür 70 km tiefer im Urwald. Seit Machu Picchu sind wir wohl Massentourismus geschädigt.
Das Cuyabeno-Gebiet ist das zweitgrösste Reservat der 56 Nationalparks und Schutzgebiete in Ecuador. Es liegt tief in der Provinz Sucumbíos und bietet einen unglaublichen Artenreichtum. Ca. 3500 verschiedene Bäume und Pflanzen grünen um die Wette, (Buriti-Palme, Bromelien, Ceibos, Helikonien, Macrolobium-Bäume, wilde Rosen usw. usw) und machen dem Namen Primär-Wald alle Ehre.
Nach 2 h Taxifahrt steigen wir am Fluss Aguarica in ein Boot mit sauberen Sitzen samt Polster um. Wie wir Bootstouren lieben.
Vorbei an indigenen Behausungen, mit Pelerinen geschützt vom Platzregen, beobachten wir bereits viele Tiere inklusive Delphine bei der Anfahrt.
Wo Himmel, Flüsse und Wald eins zu werden scheinen steht unsere Lodge. „Alpenromantik im Amazonas„ ist mein erster Gedanke. Die Lodge ist einfach, sauber, mit eigenem Bad samt warmer Dusche, schönen Gardinen, Moskitonetzen, neuen Hängematten, sehr gutem Essen, das 3 köpfige Team freundlich – wir sind begeistert.
Aus Naturmaterialien gebaut, ohne Wifi – Strom gibt es nur für 2 Stunden am Abend – erfreuen wir uns an der iPhone freien Zeit. Beim Abendspaziergang in Gummistiefeln sehen wir unsere erste frei lebende Tarantel und später kleben zwei grosse Exemplare unter dem Dach unseres Zimmers.
Früh morgens ohne Motor durch den Fluss paddeln ist für uns besonders schön. Das Schutzgebiet bildet 14 Lagunen und das umfangreichste Feuchtgebiet des ecuadorianischen Amazonas. Diese überfluteten Wälder sind das Territorium von 165 Säugetieren wie rosa Delfinen, Kaimanen, Tapiren, Seekühen, Alligatoren, Anakondas, Ottern, Wildschweinen, Gürteltieren usw.
4 Stunden paddeln geht ganz schön in die Schultern und Oberarme. 107 Treppen hoch zum Aussichtspunkt öffnet eine andere Sicht auf den Urwald, einfach wunderschön. Seit 1986 blüht der Fremdenverkehr. Zu Bestzeiten lassen sich 25’000 Gäste pro Jahr verwöhnen. Dann kommt Covid, die Drogengeschichte – der Markt bricht zusammen.
Unser frühes Abendprogramm ist bezaubernd. Wir fahren mit Motor flussaufwärts und lassen uns 1.5 h ohne Motor, dafür mit Taschenlampen gewappnet, in die Dunkelheit treiben. Der Amazonas erwacht! Uns faszinieren die Geräusche der Nacht und der Sternenhimmel mehr als die leuchtenden Augen der Tiere.
Fabian ist heute ungewohnt ruhig. Beim Nachtessen frage ich ihn ob es ihm nicht gut gehe? Es sei ihm schwindelig und er fühle sich krank. Am nächsten Morgen geht es ihm so schlecht dass er per Boot in die nächste Krankenstation gefahren wird.
Fausto übernimmt die Morgentour, ich kann Spanisch üben. Er erzählt uns viel über seine Kichwa Wurzeln und Familiengeschichte. Sein Onkel legt die Grundmauern für die Lodge vor 70 Jahren. Er interessiert sich für die Schweiz, unser Leben und kennt Xhaka und Shaqiri. Seine Fussballwette Schweiz gegen Italien gewinnt er, USD 10, er setzt auf die Schweiz.
Heile Welt Cuyabeno – doch auch „Nebengeräusche“ sind nachlesbar. Das Ziel des NP, den Indigenen eine Einnahmequelle zu bieten, wird nur teilweise erreicht. Meist bleiben für sie Dienstleistungsjobs wie Bootsführer, Putzarbeiten, kulturelle Vorführungen usw. Sie werden vergütet mit Geldern, Lebensmittel, Schuluniformen und anderem.
Ramiro beim entspannen
Fast alle Lodges werden von aussenstehenden Unternehmen geführt. Diese versichern zwar, dass sie den Naturschutz und die Urvölker unterstützen, was sicher stimmt. Meine Annahme, dass der grosse Batzen bei den Hotel Betreibern hängen bleibt, ist sicher nicht unbegründet. Die Vermarktung der Bräuche der Indigenen reisst sie aus dem kulturellen Kontext. Verbrennungsmotoren an Kanus, zur Stromerzeugung und Trinkwasserförderung entspricht nicht den Kriterien des Ökotourismus den die ecuadorianischen Veranstalter unisono bewerben.
Bei uns ist von den Nebengeräuschen nichts zu hören. Blaue Schmetterlinge flattern über den Fluss, braune Kapuzineraffen springen waghalsig von Ast zu Ast, Otterfamilien bewegen sich übermütig dem Flussufer entlang, rote Brüllaffen schreien in der Ferne – es gibt immer etwas zu sehen, zu hören oder zu tun.
Fabian kommt zurück, er muss die Blutdruckmedikamente neu dosieren. Er sieht immer noch nicht gut aus.
Unsere Köchin Tania füttert uns drei Mal täglich mit einem Drei-Gänge-Menü und frischen Fruchtsäften. Dazwischen bewundern wir den Amazonas, gehen baden, beobachten Tiere oder schaukeln in den Hängematten. Was für ein Leben!
Am Nachmittag ruht der Amazonas. Die Tiere wie Menschen haben Siesta. Eine weitere Aktivität ist Piranha fischen. Fischrute kann man den Stecken mit Angelschnur und Haken nicht nennen. Es macht tierisch Spass – jedenfalls den Menschen – den Fischen weniger. Ich fange meinen ersten Piranha – er ist zu klein und darf zurück ins Wasser.
Die Betten sind nach 2 Nächten neu bezogen, wow! Vieles ist im Programm – nur ausschlafen gehört nicht dazu. Früh morgens gleiten wir motorlos durchs Wasser – der Klang der Ruhe – das Gezwitscher der Vögel – der Amazonas rührt uns. Der Umgang mit der Natur ist hier sehr sorgfältig. Die Tiere werden nicht gefüttert, nicht gejagt, nicht erschreckt – es wird respektvoll Abstand gehalten. Das gefällt uns.
Eine weitere Wanderung folgt. Ramiro schlägt uns mit der Machete einen Weg durch den Dschungel und findet eine Art Cocos Nuss, viel kleiner – öffnet sie und grübelt einen satten, weissen Engerling heraus. Ich soll ihn probieren, er schmecke wunderbar nach Cocos. Zuerst zögere ich schon. Doch sein aufmunternder Blick ermutigt mich, den Engerling lebendig in den Mund zu stecken und zu verbeissen. Er schmeckt tatsächlich wie eine Cocos-Nuss mit nur mehr Proteinen. Willkommen im Jungle-Camp. 😉
Kulinarisch geht es weiter. Tanja und Fausto rösten mit uns Kakao Bohnen, wir schälen und mahlen sie und stellen wunderbares Nutella her, hallo Kalorien. Wir haben Spass mit den Beiden.
Die 5 Tage sind vorbei, wir tragen eine grosse Zufriedenheit in uns und die Gewissheit, dass wir die richtige Lodge gebucht haben. By by Aguas Negras Team, danke für die beeindruckenden Tage.
Bei der Rückfahrt gibt es ein Mittagessen bei einer Secoya Familie. Sie lachen viel, die Kinder tanzen um uns herum, Grossmutter hat eine liebliche Ausstrahlung, das Essen ist lecker – was für ein toller Abschluss dieser Woche.
Fazit der Woche: Wunderschön
Wochenfilm:
Musik: Ruben E. Colque Ledesma, Talicuna