Diomer, unser Führer durch die Geschichte von Medellín ist eine Mischung aus trockenem Humor, unbeteiligter Stimme, anschaulichem Geschichtsunterricht, Dramaturgie und Mega Gedächtnis. So nennt er bei der Begrüssung jeden Teilnehmer/in mit dem richtigen Vornamen, immerhin 20 an der Zahl.

Mit einem super Hirn und unglaublichem Allgemeinwissen ausgestattet bekommen wir Geschichten, traurige, brutale aber auch lustige erzählt. So erlebt er als 6 jähriger, wie ein Schulfreund von ihm auf der Strasse durch das Kartel erschossen wird. 4000 Menschenleben gehen auf das Konto des Drogenbarons alleine in Medellín. Ohne Rücksicht auf Zivilisten lässt Escobar Bomben platzen, ermorden, abschlachten. Hörbar ergriffen erzählt Diomer aus der Zeit zwischen 1970 und 1990.

Der einstige Platz der Kriminalität ist heute Platz der Hoffnung und des Lichtes. Diomers Führung nimmt uns so in Bann dass ich vergesse, Fotos zu knipsen. Trotzdem weiss ich am Schluss nicht ob ich Diomer mag oder nicht, er ist für sicher ein aussergewöhnlicher Mann.

In der Gallerie Museo de Antioquia bewundern wir vor allem Kunst von Fernando Botero, dem Maler und Skulpturen Künstler.

Am Abend sehen wir uns eine Doku über Botero an und verstehen besser, warum er Leibesfülle malt und gipst.
Nach 5 Tagen Medellín ist es für uns schwierig den Hype um die Stadt zu verstehen. Comuna 13 sei ein Disneyland für Touristen sagt uns Diomer, El Poblado auch, die Innenstadt hat uns überhaupt nicht begeistert – am besten hat uns die Kunst um Botero, die atmosphärischen Restaurants und die vielen Grünanlagen gefallen. Aus unserer Sicht kann man Medellín gut weg lassen. Ausser – man möchte einen neuen Po, neue Brüste, grössere Lippen oder käufliche Liebe. Nicht mal in Brasilien haben wir soviel plastisch veränderte Menschen gesehen wie in Kolumbien. Zeit aus der Stadt zu fliehen.

Ein Punkt der uns bis heute immer wieder tief berührt sind die vielen Obdachlosen, Strassenkinder, Drogenabhängige die Mülltonnen durchsuchen, auf dem nackten Trottoire liegen – leere Augen hausen in spindeldürren Körpern. Unser Guide informiert, dass es ein Strassenhilfsprojekt gibt, die Obdachlosen bekommen dort 1 Mahlzeit, es gibt Schlafsäle, Toiletten, Duschen – sogar gratis Ausbildung – trotzdem fühlen wir uns hilflos beim Anblick der Menschen auf der Schattenseite.

Ein weiterer Punkt wo mir der Gallensaft hoch steigt ist das leidige Thema mit Mercedes Garagen. In Pereira, beim Ölwechsel, werden 2 Liter zuviel eingefüllt. Da hilft auch Maria unter dem Stern nichts.

Glücklich wieder in der Natur zu sein beobachten wir einen Blauscheitelmotmot. Wir stehen privat bei Jorge in Retiro. Gute Nacht!

Retiro überrascht uns! Auf dem Hauptplatz stehen rund um das Quadrat die gleichen Holztische und Stühle samt Sonnenschirme…..

…bei den Sitzbänken gibt es Steckdosen für Cellular und Co….

…in der Mitte steht ein Bücheraustauschkasten….

….das ganze Dorf ist schmuck, sauber und parat für Weihnachten. Da muss ein weitsichtiger Gemeinderat am Werk sein.

Und natürlich darf die Touristen Attraktion „Piedra del Peñol“, 2 h Fahrt weiter, nicht fehlen.

Die 708 Stufen hoch und runter schaffen wir locker, die Aussicht oben auf den Stausees von Peñol-Guatapé ist echt schön..

…wir sind nicht die Einzigen bei dieser Attraktion. Der Fels von Guatapé ist ein auffälliger 70 Millionen alter Granitblock der einst als Heiligtum der indigenen Tahami verehrt ist.

Doch wie so viele ehrwürdige Stätte herrscht heute auf dem Parkplatz ein Gewühl von Souvenir Läden, Restaurants und lauter Reggaeton Musik.

Wir wählen einen Wochentag und den Besuch kurz vor Schliessung um dem ganz grossen Strom zu entfliehen. Der Fels besteht aus geschätzten 66 Millionen Tonnen Granit.

Auch bei uns gibt es hin und wieder Unstimmigkeit und seit Werni mit WAZE und ich mit MAPS.ME navigieren gibt’s öfter Missverständnisse. Keine einfaches Hinnehmen für mich war ich doch 6 Jahre alleine für die Navigation zuständig. Und plötzlich korrigiert mein Mann und WAZE meine Navigationskünste. 🤨.
Müde nach einem langen Tag gibt’s ein Missverständnis mit dem Übernachtungsplatz, bei einer scharfen Kurve fällt eine ganze Schublade raus, ein Knall, alle Küchenhilfen scheppern in alle Richtungen und zu guter Letzt ist der Stellplatz neben einer Baustelle und hart an der Hauptstrasse. Super!

Einst ein unbedeutendes Bauerndorf mit Tomaten, Zwiebeln und Mais steht Guatapé Ende der 70er Jahre plötzlich am Ufer des gleichnamigen Stausees. Die Stadtplanung wendet sich dem See zu, wird Touristen-Treffpunkt zwischen kitschig schöner Wasserlandschaft mit Inseln und Halbinseln.

Die Bewohner des Nachbarortes El Peñol haben weniger Glück. Sie verlieren ihr Dorf, es wird gesprengt, geflutet die Menschen zwangsumgesiedelt. Die Neustadt wird Richtung Landesinneren gebaut, sie sind die Verlierer mit vielen Narben.

Durch das Städtchen Guatapé, das Farbigste bis jetzt, machen wir einen Morgenspaziergang. Zwar mit vielen 5 Sterne Hotels erleben wir es in der Früh ruhig und schön. Uns faszinieren immer die Stimmungen der Dörfer und Guatapé’s Schwingung passt.

Frieden pur, am Fluss Rio Guatapé stehen wir direkt am Wasser, baden im erfrischenden sauberen Bach und machen 3 Tage Pause in der Natur. Wild, frei stehen, nur das Rauschen des Wassers, die Stimmen der Natur, alles entbehren was das verwöhnte Leben ausmacht – genau das macht uns so unglaublich glücklich und zufrieden. Hier könnten wir 1 Monat stehen.

Ein mehrstündiger Regen lässt den Fluss so stark anschwellen, dass wir mitten in der Nacht (2 Uhr) fliehen und unseren wunderschönen Platz aufgeben.

So sieht es im Bänzli nach der Flucht aus, dafür schlafen wir ruhig und sicher.
Fazit der Woche: Nur die Flucht vor uns selber ist nicht möglich 😉.
Wochenfilm:
Musik: The Lebron Brothers, Así No Se Juega