Das Grenzpersonal begrüsst uns mit einem „Herzlich willkommen in unserem Land.“ Wir sind in El Salvador.
Was als erstes auffällt: Schweizer Bürger müssen keine Eintritts-Gebühr über USD 12.- pro Person bezahlen, die Strasse nach der Grenze ist in perfektem Zustand.

In einem schönen Kiefernwald stehen wir die erste Nacht ruhig und sicher. Was für ein beruhigender Start in ein neues Land.
Marlis und Kurt fragen uns am Telefon, ob wir denn noch Wow-Momente nach so langer Zeit in Lateinamerika hätten? Natürlich brechen wir nicht mehr so leicht in völlige Begeisterung aus – soviel Schönes ist bereits in Bildern und Emotionen abgespeichert. Leben in der freien Natur ist Alltag, vagabundieren auch und viele Kulissen lösen ein Deja Vue aus.
Aber – wir haben sie, diese Wow-Momente. Zum Beispiel beim Panama-Kanal und gerade jetzt am zweiten Tag in El Salvador.
Der Berg El Pital mit seinen 2730 m ist der höchste Punkt El Salvadors. Ganz oben kann es das ganze Jahr über schneien. Die Anfahrt zum Dorf Rio Chiquito ist brutal steil. Ich vergesse manchmal zu atmen so quälen wir drei uns, zum Glück auf Asphalt, auf über 8 km hoch.

Dann geht es auf schlechter Naturstrasse steil, eng und furchig weiter. Das wollen wir uns nicht antun. Wir buchen einen Fahrer samt 40 jährigem Toyota Pickup.

Was staunen wir wie der Toyota sich die letzten 4 Kilometer hocharbeitet.

Es macht Spass auf der Ladefläche zu stehen, uns durchschütteln zu lassen, über fast unmöglich passierbare Stellen zu holpern und am Schluss der Strasse hoch auf den Gipfel zu wandern.

Alejandro fährt genial, sein Hund rennt die 30 Minuten hinter dem Auto her und 2 h später vor uns wieder runter ins Dorf. Er ist schneller als wir mit dem Pickup. Ein echt schöner 1. Tag in El Salvador mit diesen speziellen Momenten die unter die Haut gehen.

Die zweite Nacht stehen wir, schöner geht fast nicht, inmitten von Kühen und Bergen, erfrischend kühl.

Die aggressiven und gewaltbereiten Jugend-Banden MS-13 und MS-18 beherrschen El Salvador über viele Jahre und machen es zu einem gefährlichen Pflaster. Die Mitglieder tragen symbolträchtige Tattoos.

Je mehr Tätowierung im Gesicht, je mehr Morde hat der Träger verübt. Sie morden als vorgeschriebenes Eintrittsritual in die Gang, aus Lust zu Gewalt, als Machtdemonstration aber auch aus Verzweiflung und Perespektivlosigkeit. Das Land gilt als eines der gewalttätigsten in Zentralamerika bis Präsident Nayib Bukele dem Morden ein Ende setzt. Im Jahr 2022 verhaftet er um die 50‘000 Menschen, sie kommen ins Hochsicherheitsgefängnis Centro de Confinamiento del Terrorismo (CECOT).

Seitdem gilt das Land als sicher, die Bevölkerung dankt es Bukele mit grosser Verehrung und verzeiht ihm sogar die Bitcoin Escapade.
Wir sehen uns die Doku über die Gangs und das Gefängnis an und kommen heftig ins Diskutieren. Opfer, deren Familien, Bandenmitglieder, Tätowierungen, Symbolik, Sicherheit, Gefängnis, Menschenrecht, Menschenwürde, Presse, Darstellungen – Themen die uns schwer im Magen liegen und uns lange beschäftigen.

Suchitoto, das erstaunliche Städtchen, nahe am Stausee Suchitlán gelegen, gilt als Kulturhauptstadt El Salvadors.

Es gefällt uns auf Anhieb. Sauber, mit kleinen Galerien, mit schönen Kolonialgebäuden, Marktplatz, Batik Workshops und mehr – wir bummeln durch die Strassen.

Der Name der Stadt stammt aus der Sprache der Nahual und bedeutet “Ort der Blumen und Vögel”. Es herrscht fürwahr eine beruhigende Atmosphäre im Städtchen mit Bougainvilleas in allen Farben.

Was wäre die Welt nur ohne diese Drillingsblume aus der Familie der Wunderblumengewächse. Die 18 verschiedenen Arten stammen ursprünglich aus Südamerika und verzaubern heute die ganze subtropische Welt. Sie lösen bei uns tatsächlich immer wieder diese Herzensmomente aus.
Durch das Berggebiet Morazán erreichen wir den Süden von El Salvador. Unser Ziel, der Mirador Pazifico auf 1200 Höhenmeter soll schwierig erreichbar sein. Bänzli und Werni meistern die 8 Kilometer steile Naturstrasse hervorragend. Mehrheitlich im ersten Gang mit allen Fahrhilfen stampfen wir Kurve für Kurve hoch zum Campingplatz. Wie dankbar bin ich, habe ich Werni als belastbaren Fahrer, ich hätte keine Chance solche Strecken zu fahren.

Magie liegt in der Luft, der Berg ganz hinten ist der Vulkan Cosigüina in Nicaragua. Am 9.3 haben wir von oben das Länderdreieck bewundert.

20 Tage später stehen wir dem Vulkan gegenüber. Der Himmel brennt, morgens um 5 Uhr sitzen wir warm angezogen auf der Bergterrasse, trinken einen Kaffee und beobachten demütig das Erwachen des Tages.

Sich Zeit nehmen, Musse haben, sitzen, warten, beobachten, geniessen – machen wir all das nicht zuwenig im Alltag Zuhause?

2 Tage stehen wir am Aussichtspunkt, dann ist eine grosse Gruppe angemeldet, Zeit für uns diesen Wow-Platz zu verlassen.

Fazit der Woche: Es gibt sie immer noch diese speziellen Momente.
Wochenfilm
Musik: Orquesta San Vincente, La Computadora