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Es dampft aus den Kaminen der Verarbeitungsraffinerie der Firma Syncrude/Suncore. Es riecht leicht nach Schwefel, die umliegenden künstlichen Seen (Absetzteiche und Kläranlagen) sind abgesperrt mit vielen Warnzeichen.

Wir fahren den 63 Highway, der in einem Kreis direkt an der Industrie vorbei führt. Die Grösse des Werks, die Kessel, die Gerätschaften, die mottenden Kamine – einfach unglaublich.

Ein Stück weiter stehen das ausgediente Schaufelrad No. 4 und der Schürfbagger als Museumsstücke. Was für Dimensionen. Die Schaufelrad-Anlage ist 140 Meter lang, hat 12‘000 PS, wiegt 2’400 Tonnen, ist mit über 10 Tonnen Farbe beschichtet – Zahlen der Superlative.

Noch einige Kilometer weiter dann die Idylle, die Beaver Creek Bison Ranch. Ein Renaturierungsprojekt aus dem Jahr 1993 auf einer ehemaligen Minenfläche. Waldbison, Enten und Vögel gedeihen, leben hier und scheinen sich wohl zu fühlen.

Die Ölsand-Industrie entfacht Diskussionen bei uns. Da sind positive Punkte wie Wirtschaftsmotor, Arbeitsplätze, Steuereinnahmen, Rekultivierung und auf der anderen Seite Treibhausgase, Umweltzerstörung, Geruchsbelästigung, toxische Belastung usw.

Wir verlassen Fort McMurray mit gemischten Gefühlen.
Polnische, teils ukrainische Einwanderer bringen Anfang des 20. Jahrhunderts ihren tiefen katholischen Glauben mit nach Alberta. In Skaro bauen sie 1919 in harter Handarbeit eine Nachbildung der berühmten Grotte von Lourdes.

Die Skaro Grotte ist heute Wallfahrtsort, Pilger besuchen den Shrine und den Friedhof, um für die dort ruhenden Pioniere zu beten oder um Hilfe zu bitten.

Ich platze mitten in eine Messe in polnischer Sprache. Alle Köpfe drehen sich nach hinten – ich verlasse leise die Kirche.

Diesmal ist der Elk Island National Park offen. Geniessen, wandern, Tiere beobachten – was für ein wunderbarer Tag.

Erholungspärke gestalten können sie, die Kanadier. Picknick-Tische, Feuerstellen, Kinderspielplätze, Toiletten, Sitzplätze, Wanderwege, Aussichtspunkte – alles da, gepflegt und grosszügig angelegt.

Halleluja – das Ersatzteil aus Deutschland ist in nur 1 Woche angekommen. Prestige Auto Repair kontaktiert uns, ein Termin ist für Mittwoch reserviert.

Mit einer sehr positiven Erfahrung im Sack fahren wir mit einem reparierten Bänzli weiter. Danke Peter und Team!
Das Head-Smashed-In Buffalo Jump ist eine der ältesten, grössten und am besten erhaltenen Jagdstätten der Welt und UNESCO-Erbe. 6000 Jahre lang jagen indigene Völker (hauptsächlich Blackfoot) Bison, um im Winter zu überleben. Lange vor den Pferden und Schusswaffen verkleiden sich speziell ausgebildete Läufer als Wölfe oder Kälber.

Sie versetzen die Herde in Panik und treiben sie in einen trichterförmigen Pfad, wo sie zum Schluss über eine Klippe in den Tod stürzen. Die ganzen Tiere werden verwertet, Fleisch, Knochen, Sehnen, Felle. Du findest diese Art von Jagen brutal?

Vor der Ankunft der Europäer gibt es in ganz Nordamerika schätzungsweise 30 bis 60 Millionen Bisons. Pelz- und Lederhandel, industrielle Schlachtung, kommerzielle Gier, pure Freude am Wett-Töten und politische Strategie dezimieren die Bisons um 1890 auf weniger als 1‘000 Tiere. Mit der Ausrottung der Büffel entziehen Regierungen der First Nation die Lebensgrundlagen, zwingen sie zur Kapitulation und drängen sie in Reservate.

Wieder eine Geschichte, die nachdenklich macht. Das preisgekrönte Museum ist sehr schön und modern gestaltet und erzählt vollumfänglich die Hintergründe der Blackfoot.

Es wird früh dunkel und spät hell, in Calgary ist Schnee gemeldet für Sonntag. Zeit, dass wir Richtung Süden kommen.
FAZIT KANADA
Das Positive:
Die Weite und Einsamkeit des Nord/Westen ist sehr schön. Kanadier sind freundliche, grosszügige Erdenbürger. Kochen können sie, das Restaurantessen ist meistens sehr lecker. Sie lieben das Campen, die Natur. Die Tierwelt ist eindrücklich. Es gibt schöne, preiswerte Campingplätze und viel Gelegenheit, frei zu stehen.
Das Besondere:
Das Toilettenpapier ist zu 80 Prozent so dünn, dass selbst nach 8-fach Faltung die braune Masse an den Händen klebt. Die Wasser- oder Thermosflasche wird beim joggen, wandern, im Bus, beim Einkaufen einfach überall mitgeschleppt. Jeder kleinste Wasserfall, Wanderweg usw. ist „so beautiful“! Trotz glasklaren Bächen und Seen ist das Trinkwasser stark gechlort.
Die Sprache:
Die Anrede Guys ist auch hier Omni präsent und wiederholt sich das Guys in jedem 2. Satz gibt es uns echt auf den Wecker. Double Check benutzen sie auch, wenn sie etwas zum ersten Mal abklären. Das Wort „Absolutely“ wird so oft gebraucht wie bei uns das „genau.“
Das Negative:
Es gibt viele, schlecht ausgebildete Fachkräfte. Das Gesundheitssystem steht auf wackeligen Beinen. Es wird 18-25 Prozent Trinkgeld in Restaurants erwartet. Bestellt man keinen Dessert, kommt 30 Sekunden später die Rechnung. Sie sind ungeduldige Autofahrer. Es funktioniert vieles nicht in Kanada.

Zum Beispiel von 11 Waschmaschinen und Trockner sind gerade mal 2 einsatzbereit.

Am Ende bleibt bei uns eine sehr gemischte Bilanz von Kanada. Sie wäre sicher anders ausgefallen, wären wir nicht 13 Wochen mit Reparaturen stecken geblieben.
Von „unglaublich überwältigend schön“ bis zu „muss man nicht gesehen haben“, von langweilig grünen Tunnelfahrten bis zu einem „Herbstlichen Waldtraum“ ist alles mit dabei.
Von „grosszügen Menschen“ bis zu „überforderten Kotzbrocken“ haben wir alles erfahren.
Ein Tipp für alle künftigen Kanadabesucher:
Wählt den Herbst als Reisezeit. Es sind massiv weniger Touristen und Mücken unterwegs und das monotone Grün verwandelt sich in einen Herbstzauber.
Halleluja, wir haben Kanada geschafft und Kanada hat uns fast geschafft.
Wochenfilm
Musik: Leonard Cohen, Stück: Halleluja
Danke für den interessanten Bericht! Wann kommt ihr nach Hause?
Herzliche Grüsse
Max
Lieber Max, genau in einem Jahr si d wir zuhause . Herzlichen Drücker
Wie schön, wenn etwas gut geht! Weiter viel Glück und Freude wünschen wir euch!
Was für eine komplexe Zusammenfassung einer Kanadatour, mit klarem Statement. Bedauerlich die 13 Wochen, das tut uns echt leid. Aber dadurch, dass ihr auf euren Sprinter verzichten mussten, haben wir uns getroffen. Eine sehr positive sympathische Begegnung. Und hier noch ein Tipp bezüglich WC Papier: Rolle durch Kleenexboxen ersetzen, rechnet sich und Finger bleiben sauber.